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ITIL trifft Schweizer Verwaltung: Wo HERMES aufhört, fängt der Betrieb an

ITIL trifft Schweizer Verwaltung: Wo HERMES aufhört, fängt der Betrieb an

Die Verwaltung hat eine verbindliche Methode für ihre Projekte. Für das, was nach dem Projekt kommt, hat sie keine. Warum diese Lücke seit April 2025 nicht mehr nur ein Ordnungsproblem ist.

Es gab einmal ein Dokument, das HERMES und ITIL verbinden sollte. Es hiess eCH-0109 «HERMES und ITIL verbinden», wurde 2009 publiziert und 2014 aufgehoben. Ersetzt wurde es nie. Das ist kein Detail für Methodenliebhaber. Es beschreibt ziemlich genau das Problem: Schweizer Verwaltungen arbeiten mit einem anerkannten Standard für den Weg zur Lösung und mit keinem für das Leben danach.

1. Der Standard, den es einmal gab

eCH-0109 war nie ein grosser Wurf. Es war ein Hilfsmittel, im Kern eine Tabelle, die HERMES-Ergebnisse den passenden ITIL-Ergebnissen gegenüberstellte, damit Projektmanager und Betriebsverantwortliche dieselbe Sprache finden. Am 3. September 2014 wurde es aufgehoben. Seither verzeichnet der Verein eCH Standards zur Projektmethode, zur Portfolio-Methodik, zum Identitäts- und Zugriffsmanagement, zur Archivierung. Zur Frage, wie eine Verwaltung ihre IT-Services im Betrieb führt, gibt es keinen.

Man kann das achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Standards werden aufgehoben, wenn sie veralten. Nur wurde dieser hier nicht ersetzt, und die Frage, die er beantworten wollte, ist seither eher grösser geworden.

2. Was HERMES leistet, und wo es bewusst aufhört

HERMES ist die Projektmanagementmethode der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Seit 2015 sind die Bundesstellen zu ihrem Einsatz verpflichtet, viele Kantone, Städte und bundesnahe Betriebe haben sie übernommen. Als eCH-0054 ist sie ein anerkannter Standard, aktuell in der Version 3.1.1 vom Januar 2026. Wer in der Schweizer Verwaltung ein IT-Projekt aufsetzt, arbeitet mit HERMES. Das ist keine Geschmacksfrage.

Mit HERMES 2022 hat die Methode ein Phasenmodell bekommen, das klassische und agile Vorgehensweisen nebeneinander zulässt. Klassisch läuft ein Projekt über Initialisierung, Konzept, Realisierung und Einführung. Agil bleibt zwischen Initialisierung und Ende nur eine Phase, die Umsetzung. Und beide Wege enden gleich, nämlich in der Phase Abschluss, die mit dem Update 2022 neu hinzukam.

Genau hier liegt der Punkt, an dem sich die Geister scheiden. Ein Projekt hat ein Ende. Ein Service hat keines. HERMES ist als Projektmethode zu Ende gedacht, und das ist kein Mangel, sondern korrekt. Der Fehler entsteht erst dort, wo eine Organisation glaubt, mit dem Meilenstein Projektabschluss sei die Sache erledigt.

3. HERMES baut die Tür. Das Haus dahinter nicht.

Fairerweise: HERMES ignoriert den Betrieb nicht. Die Methode kennt ein eigenes Modul IT-Betrieb, eine Aufgabe «Betrieb realisieren», das Ergebnis «Betrieb aktiviert» und mit dem Betriebsverantwortlichen eine Rolle, die im Projekt die Betreiberseite vertritt. Es gibt sogar ein definiertes Ergebnis namens Betriebshandbuch, das über zwölf Bereiche hinweg beschreibt, was der Betreiber wissen muss: Systemübersicht, Betriebsaufnahme, Überwachung, Supportorganisation, Changemanagement, Sicherheitsbestimmungen.

Das ist mehr, als viele Projektmethoden bieten. Und es reicht trotzdem nicht.

Denn das Betriebshandbuch beschreibt ein System. Es sagt, wie diese eine Fachanwendung betrieben wird, wer sie überwacht, wie ein Change daran abläuft. Was es nicht sagt: wie die Organisation funktioniert, die daneben noch zweihundert andere Systeme betreibt. Ob der Eskalationspfad dieser Anwendung derselbe ist wie der aller anderen. Ob die Störungsklassifikation zur bestehenden passt. Ob überhaupt jemand den Überblick hat, welche Services die Verwaltung ihren Ämtern eigentlich schuldet.

HERMES liefert eine saubere Übergabe pro Projekt. Was fehlt, ist der Rahmen, in den hinein übergeben wird.

Gegenüberstellung der HERMES-2022-Phasen und des ITIL-5-Lebenszyklus mit markierter Übergabezone bei der Betriebsaufnahme
Abbildung 1: HERMES endet mit dem Projektabschluss. Der Lebenszyklus von ITIL 5 läuft mit Operate, Deliver und Support genau dort weiter, wo die Projektmethode nichts mehr abdeckt.

4. Was ITIL beisteuert, und was nicht

An dieser Stelle ist eine Klarstellung fällig, weil sie in Verwaltungen regelmässig für Reibung sorgt: ITIL ist keine Konkurrenz zu HERMES. Die beiden beantworten verschiedene Fragen. HERMES beantwortet, wie man von einer Idee zu einer betriebsbereiten Lösung kommt. ITIL beantwortet, wie eine Organisation Services führt, die längst laufen.

ITIL 5 macht diese Arbeitsteilung sichtbarer als frühere Versionen. Der Lebenszyklus der neuen Version reicht von Discover über Design, Acquire, Build und Transition bis zu Operate, Deliver und Support. Die ersten fünf Stufen decken sich weitgehend mit dem, was ein HERMES-Projekt tut. Die letzten drei beginnen dort, wo HERMES seinen Projektabschluss feiert. Das ist kein Widerspruch zwischen zwei Methoden. Das ist eine Anschlussstelle.

Auch hier gehört die ehrliche Einschränkung dazu: ITIL ist nicht verbindlich, nicht für den Bund und nicht für die Kantone. Es ist keine Norm, sondern eine Sammlung bewährter Praxis, und niemand wird danach auditiert. Zertifizierbar ist die ISO/IEC 20000, nicht ITIL. Wer also auf eine Vorschrift wartet, die die Betriebsseite regelt wie HERMES die Projektseite, wartet vermutlich vergeblich. Die Lücke schliesst keine Behörde. Die schliesst jede Organisation selbst.

5. Seit April 2025 kostet die Lücke Geld

Bis vor Kurzem war das ein Ordnungsproblem. Ärgerlich, aber verschmerzbar. Das hat sich geändert.

Seit dem 1. April 2025 gilt in der Schweiz die Meldepflicht für Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen. Ein Angriff muss innerhalb von 24 Stunden nach seiner Entdeckung dem Bundesamt für Cybersicherheit gemeldet werden, der Bericht ist danach innerhalb von 14 Tagen zu vervollständigen. Wer die Meldung unterlässt, riskiert eine Busse von bis zu 100 000 Franken. Zum Kreis der Meldepflichtigen zählen nach der Cybersicherheitsverordnung ausdrücklich auch kantonale und kommunale Verwaltungen, wobei ein Katalog von Kriterien und Schwellenwerten Ausnahmen regelt.

24 Stunden sind keine Projektfrage. Sie sind eine Betriebsfrage, und zwar eine, die sich in dem Moment entscheidet, in dem der Angriff auffällt: Wer erkennt ihn, wer klassifiziert ihn, wer entscheidet, dass er meldepflichtig ist, wer meldet tatsächlich? Das sind genau die Festlegungen, die ein Incident-Management-Prozess trifft und die kein Betriebshandbuch einer einzelnen Fachanwendung leisten kann. Eine Verwaltung, die ihre Betriebsorganisation erst nach der Betriebsaufnahme sortiert, hat im Ernstfall die Uhr schon laufen.

Ein Wort zu NIS2, weil die Richtlinie in Schweizer Sitzungszimmern oft als bereits geltendes Recht auftaucht: Sie gilt hier nicht. Es gibt bis heute auch keine formelle Anerkennung der Schweizer Regeln als NIS2-äquivalent. Spürbar wird sie trotzdem, nämlich über Lieferketten und über europäische Auftraggeber, die ihre Anforderungen weiterreichen. Wer für den EU-Raum arbeitet, wird nach Nachweisen gefragt, ob die Richtlinie ihn direkt bindet oder nicht.

6. Vier Übergaben, die den Unterschied machen

Die Brücke zwischen HERMES und ITIL muss niemand erfinden. Sie besteht aus vier Festlegungen, die eine Verwaltung selbst treffen kann, und keine davon braucht ein Projekt.

  • Den Betriebsverantwortlichen früh besetzen. HERMES sieht die Rolle vor. In der Praxis wird sie oft erst in der Einführungsphase gefüllt, wenn die Architektur längst steht. Wer sie ab der Initialisierung besetzt, bekommt Betreibbarkeit ins Design statt Betriebskosten in den Nachtrag.
  • Das Betriebshandbuch als Eintrag behandeln, nicht als Dokument. Ein Handbuch, das nach der Betriebsaufnahme in einem Ordner liegt, altert ab Tag eins. Dieselben Informationen als Service- und Configuration-Eintrag im bestehenden ITSM-Werkzeug bleiben Teil des laufenden Betriebs.
  • Den Meldeweg vor der Betriebsaufnahme klären. Für jedes System, das in den Geltungsbereich fällt, gehört vor dem Produktivstart auf Papier, wer im Verdachtsfall entscheidet und wer meldet. Nach dem Produktivstart ist es dafür zu spät.
  • Den Projektabschluss an eine Betriebsbedingung knüpfen. Ein Projekt gilt als abgeschlossen, wenn der Service im Servicekatalog steht, einen benannten Verantwortlichen hat und in der Störungsannahme bekannt ist. Diese eine Bedingung verhindert mehr verwaiste Anwendungen als jede Nachdokumentation.

Fazit: Zwei Methoden, ein Übergabepunkt

HERMES und ITIL widersprechen sich nicht. Sie berühren sich an genau einer Stelle, und diese Stelle ist in den meisten Verwaltungen unbesetzt. Nicht weil jemand geschlampt hätte, sondern weil die eine Seite ein Projektende kennt und die andere keinen Projektanfang, und beide Seiten davon ausgehen, die jeweils andere kümmere sich.

Der aufgehobene eCH-0109 ist dafür ein passendes Sinnbild: eine schmale Brücke, die abgeräumt wurde und die niemand vermisst hat — bis es darauf ankam.

Unser Praxistipp: Nehmen Sie die letzte Anwendung, die Ihre Verwaltung produktiv gesetzt hat, und stellen Sie drei Fragen. Steht sie in Ihrem Servicekatalog? Hat sie einen namentlich benannten Betriebsverantwortlichen, der noch im Haus ist? Weiss Ihre Störungsannahme, dass es sie gibt? Wenn Sie eine dieser Fragen nicht beantworten können, liegt die Lücke nicht in der Zukunft. Sie liegt hinter Ihnen.

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Florian Nitz

Florian Nitz

Consultant, Qudits AG

Florian Nitz ist Consultant bei der Qudits AG und ITIL 4 Managing Professional. Er verantwortet technische und digitale Projekte — von IT-Service-Management bis zur Weiterentwicklung digitaler Plattformen — und verbindet strategische Klarheit mit pragmatischer Umsetzung.

Thomas Scherzinger

Thomas Scherzinger

Executive Partner, Qudits AG

Thomas ist Executive Partner bei Qudits AG und ITIL V3 Expert. Seine Schwerpunkte liegen im Management komplexer IT-Programme und -Projekte — insbesondere im Bereich Life Sciences — sowie im Aufbau und der kontinuierlichen Verbesserung von IT-Service-Management-Organisationen. Mit Leidenschaft entwickelt er Teams und Menschen weiter.

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