18. Juni 2026
Florian Nitz, Thomas Scherzinger
Lesezeit: 5 Minuten
Was die neue Version strukturell ergänzt — und was für Organisationen, die heute auf ITIL 4 arbeiten, gleich bleibt.
Im Februar 2026 erschien ITIL 5. Nicht als Revolution, sondern als Weiterentwicklung — aber mit zwei strukturellen Neuerungen, die den Rahmen spürbar verschieben: einem überarbeiteten Lebenszyklus-Modell und einer eigenen Leitlinie zur Governance künstlicher Intelligenz. Wer heute auf ITIL 4 arbeitet, fragt zu Recht: Was ändert sich wirklich, und was nicht?
Die kurze Antwort: Das Service Value System bleibt. Die Practices bleiben. Was ITIL 5 ergänzt, ist der strukturelle Rahmen für zwei Entwicklungen, die in ITIL 4 noch nicht eingebettet waren — das Denken in Produkten statt reinen Services, und der Umgang mit KI als Governance-Frage.
ITIL v3 kannte fünf klar abgegrenzte Phasen: Strategy, Design, Transition, Operation, Continual Service Improvement. Wer mit dieser Struktur gross geworden ist, weiss, wie prägend sie ist — und wie schnell sie zur Schublade wird.
ITIL 4 hat diese Phasen aufgeweicht. Das Service Value System mit seiner flexiblen Value Chain hat die starre Sequenz ersetzt. ITIL 5 geht einen Schritt weiter und führt den achtstufigen Digital Product and Service Lifecycle ein: Discover, Design, Acquire, Build, Transition, Operate, Deliver, Support.
Der wesentliche Unterschied liegt aber weniger in den acht Stufen als in der Grundidee dahinter: ITIL 5 trennt das Produkt (das «Wie» der Technologie) nicht mehr vom Service (das «Warum» des Kunden). Ein einzelnes Produkt — etwa eine Software-Plattform — stellt Fähigkeiten bereit, die zur Basis für viele verschiedene Services werden. Produkt-Teams und Service-Teams arbeiten kontinuierlich im selben Lebenszyklus zusammen, statt Arbeit linear von einer Phase zur nächsten zu übergeben.
Für IT-Organisationen sind dabei zwei Verschiebungen besonders hebelstark: die saubere Trennung von Acquire/Build und Transition — Beschaffung und Entwicklung sind nicht mehr dasselbe wie die kontrollierte Überführung in den Betrieb — sowie die Entkopplung von Deliver und Support: die Wertlieferung an den Kunden und die Störungsbehebung im laufenden Betrieb werden als eigenständige Disziplinen geführt, nicht in einen Topf geworfen.
Abbildung 1: Gegenüberstellung 5-Stufen-Lifecycle (ITIL v3) vs. achtstufiger Digital Product and Service Lifecycle (ITIL 5: Discover, Design, Acquire, Build, Transition, Operate, Deliver, Support).
Wenn es eine Neuerung gibt, für die ITIL 5 in Erinnerung bleiben wird, dann ist es die eigene Publikation zur KI-Governance, «ITIL AI Governance». Sie ist bewusst kein Teil des Kern-Frameworks für Produkt- und Service-Management, sondern eine ergänzende Leitlinie. Und sie erklärt nicht, wie man KI implementiert — das tut sie ausdrücklich nicht. Ihr Wert liegt woanders: Sie beschreibt erstmals strukturell, welche Governance-Entscheidungen eine Organisation treffen muss, wenn sie KI-Agenten in ihre Serviceprozesse einbindet.
Drei Fragen stehen im Zentrum:
Wer ist verantwortlich für Entscheidungen, die ein KI-Agent trifft? In klassischen Prozessen ist die Verantwortlichkeit auf Menschen zugeschnitten. Wenn ein Incident-Management-Agent eigenständig eskaliert, schliesst oder umleitet, braucht es eine klare Governance-Struktur — keine nachträgliche Diskussion.
Wie wird der Wert eines KI-Agenten gemessen? MTTR und Ticketvolumen reichen nicht. Gefragt sind Wert-Metriken, die an Geschäftsergebnissen hängen — nicht an Systemparametern.
Wo liegt die Grenze des autonomen Handelns? Agentic AI handelt, nicht nur empfiehlt. Das verlangt explizite Schwellenwerte — definiert, dokumentiert, kommuniziert.
Diese drei Fragen sind keine Zukunftsmusik. Agentische KI — Software, die nicht nur empfiehlt, sondern eigenständig handelt — hält gerade Einzug in Service-Desks und Betriebsprozesse, und die Analystenhäuser sind sich einig, dass ihr Anteil in den nächsten Jahren stark zunimmt. Wer heute keine Antworten auf diese Fragen hat, trifft die Entscheidungen trotzdem — nur implizit.
ITIL 5 bringt kein neues Practices-System. Die bewährten Management-Practices aus ITIL 4 bleiben zunächst bestehen; ihre vollständig überarbeiteten Publikationen werden laut PeopleCert schrittweise in der zweiten Jahreshälfte 2026 nachgezogen. Schon jetzt absehbar ist aber, in welche Richtung die Aktualisierung zielt — überall dort, wo KI und der neue Lebenszyklus den Alltag berühren. Drei Practices, bei denen das besonders greifbar wird:
Abbildung 2: Die drei aktualisierten Practices im Vergleich — klassische ITIL-4-Logik vs. neue KI-erweiterte Anforderungen in ITIL 5.
Eine ehrliche Einschätzung: Wer heute solide auf ITIL 4 arbeitet, muss nicht sofort auf ITIL 5 «umsteigen». Es gibt kein Umsteigen in dem Sinne — ITIL ist kein Software-Release.
Was sich lohnt zu prüfen:
Haben Sie eine klare Governance-Struktur für KI-unterstützte Entscheidungen? Falls noch keine KI-Agenten im Einsatz sind: Der richtige Moment, um diese Struktur zu definieren, ist vor dem Einsatz — nicht danach.
Denken Sie bereits in Produkten statt nur in Services? Der neue Lifecycle macht diesen Unterschied explizit. Für IT-Organisationen, die intern als reiner Dienstleister wahrgenommen werden, ist das eine strategische Frage.
Ist Governance bei Ihnen ein Querschnittsthema oder eine nachträgliche Kontrolle? ITIL 5 zieht Governance — und besonders KI-Governance — über den gesamten Lebenszyklus, von Discover bis Support. Verbesserung und Steuerung brauchen eine institutionelle Heimat, nicht nur guten Willen.
ITIL 5 ist umfangreich. Wer nicht weiss, wo anfangen, dem helfen drei konkrete Einstiegspunkte:
ITIL 5 ist kein Sprung ins Unbekannte. Es ist eine Weiterentwicklung, die die richtigen Fragen für 2026 adressiert — KI-Governance, Produktdenken, nachweisbarer Wert. Wer diese Fragen heute stellt, ist nicht ITIL-5-konform. Er ist einfach gut vorbereitet.
Warten Sie mit der Governance-Frage nicht, bis der erste KI-Agent im Service-Desk läuft. Nehmen Sie sich eine halbe Stunde im Team und beantworten Sie für jeden Prozess, der heute schon von einem Algorithmus berührt wird, drei Fragen: Wer verantwortet die Ausgabe? Woran messen wir ihren Wert? Wo endet das autonome Handeln? Die Antworten zeigen Ihnen die weissen Flecken — und genau dort setzt ITIL 5 an.
Autor
Florian Nitz
Florian Nitz ist Consultant bei der Qudits AG und ITIL 4 Managing Professional. Er verantwortet technische und digitale Projekte — von IT-Service-Management bis zur Weiterentwicklung digitaler Plattformen — und verbindet strategische Klarheit mit pragmatischer Umsetzung.
Autor
Thomas Scherzinger
Thomas ist Executive Partner bei Qudits AG und ITIL V3 Expert. Seine Schwerpunkte liegen im Management komplexer IT-Programme und -Projekte — insbesondere im Bereich Life Sciences — sowie im Aufbau und der kontinuierlichen Verbesserung von IT-Service-Management-Organisationen. Mit Leidenschaft entwickelt er Teams und Menschen weiter.